Beziehung beginnt nicht erst, wenn Erziehung schwierig wird

Oft kommen Eltern zu mir, wenn etwas schwierig geworden ist.
Wenn das Kind plötzlich bei jeder Kleinigkeit wütend wird.
Wenn die Trotzphase den Familienalltag bestimmt.
Wenn Eltern das Gefühl haben, nicht mehr zu wissen, wie sie reagieren sollen.
Oder wenn ein Kind Schwierigkeiten hat, seinen Platz unter anderen Kindern zu finden.
Vor Kurzem durfte ich wieder eine Familie ein Stück auf diesem Weg begleiten.
Ursprünglich ging es um Wutanfälle und Schwierigkeiten im Kontakt mit anderen Kindern. Wir haben gemeinsam hingeschaut, Veränderungen im Familienalltag angestoßen und unter anderem daran gearbeitet, wie klare und liebevolle Führung aussehen kann.
Und irgendwann waren wir an einem ganz anderen Punkt.
Plötzlich ging es nicht mehr in erster Linie um Wut.
Sondern um Fragen wie:
Wer bin ich?
Was möchte ich?
Darf jemand anderes etwas anderes wollen als ich?
Und wie können wir trotzdem miteinander in Beziehung bleiben?
Genau solche Momente erinnern mich immer wieder daran, dass hinter dem Verhalten eines Kindes so viel mehr steckt als das, was wir im ersten Moment sehen.
Aber Beziehung beginnt viel früher
Während ich diese Familie begleitet habe, durfte ich in derselben Woche auch werdende Eltern in einem Abhaltekurs begleiten.
Auf den ersten Blick könnten diese beiden Bereiche meiner Arbeit kaum unterschiedlicher sein.
Hier ein größeres Kind mit Wut, starkem Willen und sozialen Herausforderungen.
Dort Eltern, die sich auf die Geburt ihres Babys vorbereiten und etwas über Abhalten lernen möchten.
Und trotzdem geht es für mich im Kern um etwas sehr Ähnliches:
Hinschauen.
Wahrnehmen.
Versuchen zu verstehen.
Und angemessen antworten.
Denn lange bevor ein Kind sagen kann:
„Ich möchte das nicht.“
„Ich brauche dich.“
„Ich bin wütend.“
„Ich muss Pipi.“
… kommuniziert es bereits mit uns.
Babys sprechen mit uns – nur noch nicht mit Worten
Ein Baby teilt sich über seinen Körper mit.
Über Bewegungen.
Über Laute.
Über Unruhe.
Über Blickkontakt.
Und über viele kleine, individuelle Signale, die Eltern mit der Zeit kennenlernen dürfen.
Genau deshalb ist Abhalten für mich auch nicht einfach eine Methode, um möglichst früh auf Windeln zu verzichten.
Und es ist kein Toilettentraining für Babys.
Es ist vielmehr die Möglichkeit mit dem Baby in Beziehung zu gehen - zu kommunizieren und seine natürlichen Bedürfnisse wahrzunehmen.
Ich beobachte dich.
Ich lerne dich kennen.
Ich sehe deine biologischen Bedürfnisse.
Und du darfst darauf antworten.
Manchmal klappt es.
Manchmal nicht.
Es geht nicht um Perfektion.
Es geht um Beziehung.
Und dann wird dieses Baby grösser
Irgendwann kommuniziert es nicht mehr nur mit seinem Körper.
Es streckt vielleicht die Arme aus und sagt damit: Nimm mich hoch.
Später schüttelt es energisch den Kopf.
Dann kommt das erste:
„NEIN!“
Und irgendwann vielleicht ein Wutanfall mitten im Supermarkt.
Das Kind verändert sich.
Seine Möglichkeiten, sich auszudrücken, verändern sich.
Und auch unsere Aufgabe als Eltern verändert sich.
Aus dem Wahrnehmen der feinsten Babysignale wird irgendwann die Aufgabe, einen starken Willen auszuhalten.
Grenzen zu setzen.
Orientierung zu geben.
Gefühle zu begleiten.
Und einem Kind gleichzeitig zu vermitteln:
Du darfst du sein.
Vielleicht ist genau das der rote Faden
Abhalten.
Babymassage.
Trotzphase.
Wut.
Erziehungsfragen.
Auf den ersten Blick sind es ganz unterschiedliche Themen.
Für mich gehören sie zusammen.
Bei der Babymassage können wir wahrnehmen, wie unser Baby auf unsere Berührung reagiert.
Beim Abhalten lernen wir, auf seine Signale zu achten.
Beim Kleinkind lernen wir, ein Nein auszuhalten und gleichzeitig liebevoll zu führen.
Und beim größeren Kind geht es vielleicht darum, den eigenen Willen zu kennen und trotzdem zu lernen, dass auch andere Menschen ihre eigenen Wünsche haben dürfen.
Die Sprache verändert sich.
Die Beziehung bleibt.
Deshalb begleite ich Familien nicht nur dann, wenn Erziehung schwierig geworden ist.
Meine Arbeit kann schon vor der Geburt beginnen.
Und sie darf mit einer Familie wachsen.
Von den ersten feinen Signalen eines Babys über die großen Gefühle eines Kleinkindes bis zu den Fragen, die uns mit größeren Kindern begegnen.
Denn wir müssen nicht warten, bis ein Problem entsteht, um Beziehung bewusst zu gestalten.
Wir dürfen von Anfang an damit beginnen.





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